CHRISTINE & BOŽENA
Christine Nöstlinger & Božena Němcová
Eine Dankesrede
/ von Magdalena Chlumová
Christine Nöstlinger wurde für ihre Arbeit mit viele Preisen ausgezeichnet. Einer der wichtigsten ist der Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis, den sie heute Abend erhalten wird. Sie hat eine Dankesrede für eine inspirierende Schriftstellerin vorbereitet.
„Sehr geehrte Damen und Herren,
Leserinnen und Leser,
ich möchte zuerst etwas zu Ihnen und dann zu meinem Vorbild sagen.
Im Jahr 1984, als ich eine der prestigeträchtigsten Auszeichnungen, den Hans-Christian-Andersen-Preis, erhalten habe, hätte ich nie geglaubt, dass ich später nach ziemlich genau 10 Jahren, heute Abend, auch mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis ausgezeichnet werden würde.
Es ist ganz unmöglich zu beschreiben, wie glücklich und dankbar ich mich fühle. Es gibt viele Sachen, die ich jetzt sagen will. Es gibt auch viele Menschen, denen ich danken möchte, weil ich ohne sie nicht mit diesem Preis hier stehen würde. Allerdings habe ich mich entschieden, diese Zeit und Worte einer besonderen Person zu widmen – und zwar einer Frau.
Ich bin der Meinung, dass sich diese Frau Anerkennung verdiente, als die böhmischen Länder zum österreichischen Kaiserreich gehörten. Diese Frau ist eine große Inspiration für mich, meine Arbeit, aber auch mein Leben. Wir haben viele Gemeinsamkeiten. Es geht nicht nur um eine Schriftstellerin für Kinder und Jugendliche. Sie wird sogar mit der Emanzipation der Frauen und der Nation in Verbindung gebracht. Ihr Werk hat ihr die Stellung einer tschechischen Nationalpatronin eingebracht. Trotz ihres schweren und ganz unglücklichen Lebens ist sie heute ein wichtiges Teil der tschechischen Identität.
Also liebe und bewundernswerte Božena Němcová, eine der ersten tschechischen Schriftstellerinnen, diese Dankesrede gehört Ihnen, diese Worte sind für Sie.
Ich möchte Ihnen danken für alles, was Sie getan haben. Für die Art und Weise, wie Sie für Ihr Land gekämpft haben und für die Stärke der Frauen nicht nur in Ihrer Arbeit.
Ihre Bücher habe ich schon in jungen Jahren gelesen. Und ich habe schon damals Ihr fantastisches Erzähltalent bemerkt. Die schönste Sache ist, dass meine Kinder heute Ihre Bücher meinen Enkelkindern vorlesen. Ihre Märchen, wie Salz ist wertvoller als Gold, Mit dem Teufel ist nicht gut zu spaßen oder Das Märchen von den zwölf Monaten, die alle verfilmt worden sind und die immer allen gefallen werden.
Obwohl wir viele Gemeinsamkeiten haben, kann ich mein Leben nicht mit Ihrem vergleichen. Ich kann es mir nicht vorstellen, ein Leben mit Ihrer unglücklichen Ehe, schweren Krankheit und Armut. Sie haben perfekt Tschechisch gelernt, obwohl die Amtssprache Deutsch war. Sehen Sie sich an, was Sie trotz all dieser Schwierigkeiten erreicht haben! In einem kurzen Leben wie Ihrem – es kommt mir ganz unmöglich vor.
Ich glaube, dass ich nicht so weit gekommen bin, wie Sie. Ich bin kein so großes Vorbild wie Sie. Ich möchte Ihnen heute meine Bewunderung für Ihre Arbeit und Aktionen ausdrücken. Deshalb würde ich gerne diesen Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis Ihnen widmen, gar schenken, weil Sie ihn mehr als ich verdient haben. Bitte nehmen Sie das ernst. Ich bin mir sicher, dass Sie viel bedeutendere Auszeichnungen erhalten hätten, nicht nur literarische, wenn es zu Ihrer Zeit schon solche Preise gegeben hätte.
Liebe Božena Němcová, Ich danke Ihnen für jeden Menschen, für den Sie eine inspirierende Frau sind.“

Christine Nöstlinger (1936–2018) war eine österreichische Schriftstellerin für Kinder- und Jugendliteratur. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie in Wien. Nicht nur wegen ihrer schriftlichen Arbeit gehört sie zu den wichtigsten und beliebtesten Autorinnen. Sie hat sogar die Illustrationen für ihr erstes Werk geschaffen. Deshalb hat sie den Hans-Christian-Andersen-Preis und den Astrid-Lindgren- Gedächtnispreis, mit denen sie ausgezeichnet wurde, wirklich verdient.

In Wien ist auch Božena Němcová (1820–1862, geb. Novotná) geboren, aber im Vergleich zu Christine ist sie in Prag gestorben. In ihrem ganz kurzen Leben schrieb sie viele literarische Werke nicht nur für Kinder, sondern auch Romane aus ihrem Leben und Geschichten, die sie erlebte. Das sowohl auf Deutsch als auch Tschechisch, als sie nach Tschechien zog und die tschechische Sprache lernen musste.
Editorische Notiz:
Zwei Frauen ist ein Literaturprojekt: Alle Texte hier sind fiktiv.
Die Texte orientieren sich an faktischen, historischen Gegebenheiten, um die Persönlichkeiten vorzustellen. Dennoch erheben sie weder journalistische noch wissenschaftliche Ansprüche der Gründlichkeit, sondern erlauben sich literarische Freiheit.